VORTRAGSREIHE DES IFS

SELBST-BEOBACHTUNGEN
Thema der Vortragsreihe des Instituts für Sozialforschung zu den Frankfurter Positionen 2017

Die Beobachtung des eigenen Selbst ist in einer Kultur der Selfies und des Selftracking zur alltäglichen Praxis geworden: Gewollt oder ungewollt sind Menschen andauernd mit ihrem Selbst befasst, das es zu behaupten, zu entfalten, zur Darstellung zu bringen, zu kontrollieren, zu optimieren und zu verwerten gilt. Die Vorträge im Rahmen der Vorlesungsreihe und des daran anschließenden Symposiums nehmen dieses Selbst wissenschaftlich beobachtend in den Blick; sie fragen nach seiner historischen Genese und seinen Wandlungen, nach seinen emanzipatorischen Potentialen und seinen Gefährdungen, nach Praktiken der Selbstsorge und Phänomenen der Selbstflucht, nach der Anerkennungsbedürftigkeit des Selbst ebenso wie nach den Pathologien des Narzissmus.

Was ist gemeint, wenn jemand Ich sagt? Was wir heute unter dem Selbst verstehen, entstammt der Geschichte des neuzeitlichen Denkens. Im Begriff des Selbst verbinden sich personale Identität und Individualität mit der Idee einer Einheit des Bewusstseins. Der Mensch erscheint als ein Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt, sich Handlungen und Verdienste zuschreibt und sich selbst als selbst fühlt und begreift. Das moderne Selbst erfährt sich in seinen Spaltungen: zwischen erkennendem und empirischen Subjekt, zwischen sich und der Welt, zwischen sich und den andern. Indem es sich als ein Selbst behauptet, widersetzt es sich dem theologischen Absolutismus (Blumenberg) ebenso wie der Bevormundung durch eine herrschende gesellschaftliche Macht. Die Sorge um sich selbst erscheint als eine Praxis der Freiheit.

Demgegenüber dominiert in den philosophischen und kulturwissenschaftlichen Diskursen der Gegenwart eine Infragestellung des modernen Selbst. Im Vordergrund steht dabei ein ambivalentes, depotenziertes Selbst, ein Selbst, zu dem man sich macht und zu dem man zugleich gemacht wird. Zunehmend geraten aber auch Phänomene in den Blick, die das Selbst radikal bedrohen: quantifizierende und taxonomisierende Beobachtungen des Selbst; Vermarktlichung des Selbst in einer massenaffinen Individualitätskultur, Zurichtungen des Selbst in einer pharmakologisch-pornographischen Ästhetik, Gewalt-Selfies und Snuff Videos.

SELF-OBSERVATIONS
Theme of the lecture series by the Institute of Social Research at the Frankfurt Positions 2017

Observing one’s self has become everyday practice in a culture of the selfie and of self-tracking. Whether they want to or not, people are constantly concerned with their self, which has to be asserted, developed, depicted, controlled, optimized and exploited. The lectures held in the framework of this series and the subsequent symposium will focus on this self from a scientific viewpoint; they will ask about its historical genesis and its transformations, about its emancipatory potential and its threats, about practices of self-care and the phenomena of self-flight, about the self’s need for recognition and about the pathologies of narcissism.

When people says I, what do they mean? What we understand by self today has its origins in the history of modern thought. The very term self-connects personal identity and individuality with the idea of a unified consciousness. Man emerges as a creature that possesses reason and reflection, attributes actions and merits to himself and feels and understands himself as a self. The modern self is experienced in its divisions: between recognizing and empirical subject, between itself and the world, between itself and the others. By asserting itself as a self, it opposes theological absolutism (Blumenberg) as much as patronization by a dominant social power. Care of oneself appears to be a praxis that is expressive of freedom.

By contrast, the discourses of philosophy and cultural science today are dominated by a questioning of the modern self. To the fore here is an ambivalent disempowered self, a self into which one turns oneself, and into which one is at the same time turned. Increasingly, phenomena are emerging that radically threaten the self: quantifying and taxonomizing self-observations; self-marketing in a culture of individuality, that appeals to the masses, culture of individuality, self-adjustments in keeping with a pharmacological-pornographic aesthetic, violent selfies and snuff videos.