Frankfurter Positionen 2019
24.01.–08.02.2019

Frankfurter Positionen 2019, Festival für neue Werke, 24.01.–08.02.2019 / Grenzen der Verständigung, IM: Künstlerhaus Mousonturm, Schauspiel Frankfurt, MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST, Frankfurt LAB / THEATER, PERFORMANCE, KONZERT, AUSSTELLUNG, TANZ, Eine Initiative der BHF BANK Stiftung

Festival für neue Werke

Vortragsreihe des Instituts für Sozialforschung‭ (‬IfS‭) ‬zu den Frankfurter Positionen 2019

Demokratie und Wahrheit

Die leidenschaftlich geführten Auseinandersetzungen um strategisch produzierte‭ ‬»fake news«‭ ‬und die Geschwindigkeit‭, ‬mit der sie sich in einer digital vernetzten Welt verbreiten‭, ‬drehen sich nicht allein um ein adäquates Verständnis von Wahrheit‭, ‬sondern‭ ‬ebenso um die Rolle‭ ‬und den Wert der‭ ‬öffentlichen‭ ‬Debatte in der Demokratie‭. ‬Die Unverhohlenheit‭, ‬mit der aus wahrheitswidrigen Behauptungen politisches Kapital geschlagen wird‭,‬‭ ‬geht‭ ‬einher‭ ‬mit‭ ‬anderen‭ ‬Entwicklungen‭, ‬die‭ ‬Warnungen und‭ ‬Ängste schüren‭: ‬mit einer Spaltung der Gesellschaft durch Reideologisierung und rücksichtslose Identitätspolitik‭, ‬einer ungehinderten Verbreitung von‭ ‬Verschwörungsszenarien‭ ‬in den sozialen‭ ‬Medien‭,‬‭ ‬dem Erfolg‭ ‬populistischer‭ ‬Narrative‭,‬‭ ‬einer entfesselten Rede‭ ‬von‭ ‬Lügenpresse‭ ‬und‭ ‬korruptem‭ politischem‭ ‬Establishment‭,‬‭ ‬einer‭ ‬Verrohung‭ ‬der politischen Sprache und‭ ‬kommunikativer‭ ‬Verwahrlosung‭,‬‭ ‬mit‭ ‬Versuchen‭,‬‭ ‬Meinungen‭, Presse‭ ‬und Künste in ihrer‭ ‬Freiheit‭ ‬einzuschränken‭. ‬Während die‭ ‬einen der Inszenierung‭ ‬offensichtlich‭ ‬falscher‭ ‬Behauptungen‭ ‬applaudieren‭,‬‭ ‬setzen‭ ‬andere‭ ‬zur‭ ‬Verteidigung‭ ‬von‭ Tatsachen‭,‬‭ ‬Objektivität‭ ‬und‭ ‬Wahrheit‭ ‬an‭.‬‭ ‬Doch‭ ‬ist‭ ‬die‭ ‬Opposition‭ ‬wahre‭ ‬vs‭.‬‭ ‬falsche‭ ‬Tatsachenbehauptungen‭ ‬die‭ Alternative‭, ‬um die sich die Auseinandersetzung drehen sollte‭?‬

19.30 Uhr
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt am Main
Eintritt frei

Die Eskalation der Ereignisse in Chemnitz Ende August/Anfang September 2018 sind Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Demokratie und Urteilskraft im digitalen Zeitalter.

SUSANNE LÜDEMANN, Dr. phil., ist Professorin für Neuere deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu ihren Publikationen zählen u. a.: Jacques Derrida. Zur Einführung. (3. Auflage. Hamburg: Junius 2013); Massenfassungen. Beiträge zur Diskurs- und Mediengeschichte der Menschenmenge (hg. zusammen mit Uwe Hebekus. München: Fink 2009).

 

Susanne Lüdemann:
Democracy and Judgement in the Digital Age. Taking Chemnitz as an example

The escalation in events in Chemnitz in late August/early September 2018 provide the occasion for some fundamental considerations of the relationship between democracy and judgement in the digital age.

SUSANNE LÜDEMANN, Dr. phil., is professor of modern German literary studies at the Ludwig-Maximilians-Universität in Munich. Her publications include: Jacques Derrida. Zur Einführung. (3rd edition. Hamburg: June 2013); Massenfassungen. Beiträge zur Diskurs- und Mediengeschichte der Menschenmenge (ed. together with Uwe Hebekus. Munich: Fink 2009).

19.30 Uhr
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt am Main
Eintritt frei

Mit der Wahl Jair Bolsonaros in Brasilien haben evangelikale Gruppen den Anspruch erhoben, politischen Rechtsextremismus aus dem Evangelium legitimieren zu können. Nicht völlig unbegründet: Tatsächlich beanspruchen zumindest die drei monotheistischen Religionen, die Offenbarung einer absoluten göttlichen Weisung empfangen zu haben, der zuwiderzuhandeln Menschen nicht zusteht. Damit sind Religionen – jedenfalls auf den ersten Blick – nicht demokratietauglich. Die Demokratie fußt auf der Idee, durch Mehrheitsbildung auch und sogar moralische Prinzipien und Konventionen verändern zu können. Das ließ Platon für eine Philosophenherrschaft eintreten. Freilich hat schon das spätantike Judentum Auswege aus dieser Falle gewiesen: Die Offenbarung muss – demokratisch? – interpretiert werden.

MICHA BRUMLIK ist Senior Advisor am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er war Leiter des Fritz Bauer Instituts sowie Stadtverordneter der GRÜNEN in Frankfurt am Main. Micha Brumlik ist Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik und Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart sowie Autor und regelmäßiger Kolumnist der taz (»Gott und die Welt«). Sein Beitrag zur sogenannten Monotheismusdebatte ist erschienen in: Rolf Schieder (Hg.): Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen. Berlin: Berlin University Press 2014.

 

With the election of Jair Bolsonaro in Brazil, evangelical groups are now claiming to be able to legitimize right-wing extremism on the basis of the Gospels. Which is not completely unfounded: in fact the three monotheistic religions do claim to have received the revelation of an absolute, divine direction against which it is not fitting for people to act. Thus religions – at first sight, at least – are not fit for democracy. Democracy is based on the idea of being able to change even moral principles and conventions by forming a majority coalition. This is what motivated Plato to advocate rule by philosopher-kings. However, Judaism had already indicated ways out of this dilemma in late antiquity: the revelation must be interpreted – democratically.

MICHA BRUMLIK, Dr. phil., is Senior Advisor at the Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg and professor emeritus at the Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main. He was director of the Fritz Bauer Institute and city councillor for the GREEN party in Frankfurt am Main. Micha Brumlik is co-editor of Blätter für deutsche und internationale Politik and Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart, and an author and regular columnist for the daily newspaper taz (section: »Gott und die Welt«). His contribution to the so-called Monotheism Debate was published in: Rolf Schieder (ed.): Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismusdebatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen. Berlin: Berlin University Press 2014.

19.30 Uhr
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt am Main
Eintritt frei

Die kritisch gemeinte Diagnose eines »postfaktischen Zeitalters« erinnert mit großem Pathos an »die« Wahrheit als notwendige Grundlage von Demokratie, ja von Politik überhaupt. Angesichts eines republikanischen US-Präsidenten, der strategisch »alternative Fakten« produziert, seine eigenen Widersprüchlichkeiten ignoriert und andere Meinungen als »fake news« denunziert, erklärt sich leicht, warum der Widerstand dagegen im Namen der Wahrheit erfolgt. Allerdings vergessen die Kritiker_innen des »postfaktischen Zeitalters«, wie problematisch die Berufung auf die eine Wahrheit von jeher war und noch immer ist. Daher entwickelt Frieder Vogelmann die Notwendigkeit einer Vernunftkritik aus der Diagnose eines »postfaktischen Zeitalters«. Eine solche Kritik der Kritik hinterfragt die Funktion, welche die Diagnose in den politischen, wissenschaftlichen und medialen Kämpfen der Gegenwart spielt ebenso wie das darin vorausgesetzte Verhältnis von Wahrheit und Politik, ohne den Ungeheuerlichkeiten das Wort zur reden, die den Anlass zu dieser Diagnose bilden.

FRIEDER VOGELMANN, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOCIUM an der Universität Bremen. Er studierte Philosophie, Mathematik und Kognitionswissenschaft in Freiburg und promovierte im Fach Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit der Arbeit: Im Bann der Verantwortung (Frankfurt am Main und New York: Campus 2014). Derzeit arbeitet er zur Frage der Wirksamkeit von Wissen und zum Verhältnis von Politik und Wahrheit.

 

Frieder Vogelmann:
Struggling with Untruth. On the Topicality of the Critique of Reason.

The critically meant diagnosis of a “post-factual era” recalls with considerable pathos “the” truth as a necessary basis of democracy, indeed of politics as a whole. Given a Republican US-American president who strategically produces “alternative facts”, ignores his own contradictions and denounces other opinions as “fake news”, it is easy to understand why resistance to all this takes place in the name of truth. However, critics of the “post-factual era” forget how problematic an appeal to a truth has always been and still is. For this reason, Frieder Vogelmann develops the necessity for a critique of reason out of the diagnosis of a “post-factual era”. Such a critique of critique questions the role diagnosis plays in the political, scientific and media struggles of today, as well as the presupposed relationship between truth and politics, and it does so without putting a case for the monstrosities that give rise to that diagnosis.

FRIEDER VOGELMANN, Dr. phil., is research associateat the SOCIUM of the University of Bremen. He studied philosophy, mathematics and cognitive sciences in Freiburg and received his doctorate in philosophy from the Goethe University Frankfurt am Main for his work Im Bann der Verantwortung (Frankfurt am Main und New York: Campus 2014). He is currently focussing on the issue of the effectiveness of knowledge and the relationship between politics and truth.

19.30 Uhr
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt am Main
Eintritt frei

Was ist es, das den Begriff »Fake News« derzeit so prominent macht? Bezeichnet er eine Entwicklung, die bedrohlich ist und zum Handeln aufruft? Wenn das nicht der Fall ist, wie die His­to­ri­kerin Ute Daniel in ihrem Vortrag argumentieren wird, was steckt dann hinter dieser Gegen­warts­diagnose? Denn als solche, das wird der Vortrag plau­sibel zu machen versuchen, dient die Rede­weise von der Falsch­heit der Nachrichten mittlerweile. Die entscheidende Frage ist, ob diese Diagnose erkenntnisfördernd ist, ob sie also mehr ist als ein Aufmerksamkeit erregendes und Ängste verstärkendes Fahnenwort.

UTE DANIEL, Dr. phil, ist Profes­sorin für Neuere Geschichte an der Tech­nischen Universi­tät Braun­schweig und ist u. a. Mitglied der Akademie der Wissen­schaften zu Göttingen sowie Mitglied des Senats der Deutschen Forschungs­gemein­schaft. Ute Daniel forscht zur Geschichte der Massen­medien, der Kriegs­bericht­erstattung und der Propa­ganda, zur Geschlech­ter­ge­schichte, Sozial- und Kultur­geschichte der Kriege, zur Geschichte der Höfe und des Hof­theaters sowie zu Theorie und Metho­dologie der Geschichts­wissen­schaft. Jüngst ist von ihr erschienen: Bezieh­ungs­geschichten. Politik und Medien im 20. Jahr­hundert (Hamburg: Hamburger Edition 2018).

 

Ute Daniel:
The truth of »Fake News«

What is it about the term “fake news” that makes it so important today? Does it designate a threatening development and call for action? If that is not the case, as the historian Ute Daniel will argue in her lecture, then what is behind this particular diagnosis of the present? Meanwhile, the talk about the falseness of the new serves as such a diagnosis, as the lecture will try to make plausible. The decisive question is whether this diagnosis furthers our knowledge, that is, whether it is more than just a flag word attracting a lot of attention and aggravating anxieties.

UTE DANIEL, Dr. phil, is professor of modern history at the Technische Universität Braunschweig and a member, among others, of the Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. She is also a member of the Senate der Deutsche Forschungsgemeinschaft. Ute Daniel is involved in research on the history of the mass media, war reporting and propaganda, gender history, the social and cultural history of wars, the history of royal courts and court theatres, as well as on the theory and methodology of historical science. Her most recent publication: Beziehungsgeschichten. Politik und Medien im 20. Jahrhundert (Hamburg: Hamburger Edition 2018).

19.30 UHR
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt am Main
EINTRITT FREI

Eine Gesellschaft ist demokratisch, wenn sie den Willen aller Adressaten ihrer Entscheidungen zum Ausdruck bringt (volonté générale). Der Wille aller ist die Wahrheit der Demokratie. Deshalb steht und fällt die Demokratie mit der Wahrheit. Das setzt die gleichmäßige Beteiligung aller sozialen Klassen, aller Nationalitäten (Ethnien, Hautfarben etc.) und aller Geschlechtszugehörigkeiten (Gender) am öffentlichen Streit und an politischen Entscheidungen voraus. Diese Bedingung ist infolge extremer sozialer Ungleichheit und der globalen Privatisierung der Verbreitungsmedien heute nicht mehr erfüllt. Wie sich der zerrissene Zusammenhang von Demokratie und Wahrheit wiederherstellen lässt, ist eine offene Frage.

HAUKE BRUNKHORST ist Professor für Soziologie an der Europa-Univer-sität Flensburg. Er ist Autor unter anderem von: Das doppelte Gesicht Europas. Zwischen Kapitalismus und Demokratie (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014); Legitimationskrisen. Verfassungsprobleme der Weltgesellschaft (Baden-Baden: Nomos 2012); Monografien zu Jürgen Habermas, Hannah Arendt und Theodor W. Adorno.

 

Hauke Brunkhorst:
Separating Truth and Democracy – Authoritarian liberalism in the global restructuring of the public domain

A society is democratic when its decisions give expression to the will of all those in (volonté générale). The will of all is the truth of democracy. Which is why democracy stands or falls with truth. This presupposes the consistent participation of all social classes, all nationalities (ethnic groups, skin colours, etc.) and all genders in the public debate and political decision-making. This condition is no longer fulfilled today due to extreme social inequality and the global privatization of the disseminating media. Just how the torn connection between democracy and truth can be reinstated is an open question.

HAUKE BRUNKHORST, Dr. phil., is professor of sociology at the Europa University in Flensburg. He is the author of, among others: Das doppelte Gesicht Europas. Zwischen Kapitalismus und Demokratie (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014); Legitimationskrisen: Verfassungsprobleme der Weltgesellschaft (Baden-Baden: Nomos 2012); monographs on Jürgen Habermas, Hannah Arendt and Theodor W. Adorno.