GRETA WAGNER: DAS OPTIMIERTE SELBST
Mi, 11.01.2017, 19.30 Uhr, Zentralbibliothek Frankfurt am Main, Hasengasse 4, Eintritt frei

Für die Gegenwartsgesellschaft und ihre Kultur ist kennzeichnend, dass ‚das Besserwerden‘ zum Ziel nahezu aller Lebensbereiche geworden ist. Praktiken der Optimierung betreffen weite Bereiche in der persönlichen Lebensführung, von Erziehung, Karriere und Beziehungsführung bis zu der Funktionsweise des Gehirns, der Gestalt des Körpers und den eigenen Gefühlen. Dies hängt mit zwei parallelen Entwicklungen zusammen: Seit den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind die neuen sozialen Handlungsideale von Autonomie und Eigenverantwortung wirkmächtig. Mit der Auflösung traditioneller Rollenerwartungen gewinnt die Aufgabe an Bedeutung, sich individuell ‚bestmöglich‘ zu entfalten, anstatt nur vorgegebenen Mustern zu entsprechen. Die zweite – damit zusammenhängende – Entwicklung besteht in der Ausweitung neoliberaler Politik. Diese setzt eine Ethik des Wettbewerbs als normative Ordnung durch, bei der gesellschaftliche Risiken auf das Individuum abgewälzt werden, das maximal eigenverantwortlich auf Märkten agieren soll. Es soll sich auf seine eigenen Kompetenzen und Ressourcen verlassen und keine Hilfe durch kollektive Solidarsysteme erwarten. Im Vortrag werden diese Entwicklungen nachgezeichnet und wird schließlich der Fokus auf den speziellen Fall der Selbstoptimierung gelegt: auf Neuroenhancement als Versuch, kognitive Leistungen durch die Einnahme von Psychopharmaka zu optimieren, die zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizitsyndromen zugelassen sind. Neuroenhancement wirft nicht nur die individualethische Frage danach auf, ob wir uns selbst zurichten, wenn wir auf invasive Weise Selbstoptimierung betreiben – auch die moralische Frage nach der Fairness einer Gesellschaft, in der einige ihre Fähigkeiten pharmakologisch steigern und andere damit unter Zugzwang setzen, wird Gegenstand sein.

GRETA WAGNER ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main und zurzeit Visiting Scholar an der amerikanischen Brown University in Rhode Island. Gemeinsam mit Sighard Neckel hat sie den Band Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft herausgegeben, der 2013 in der edition Suhrkamp erschien. Einen Schwerpunkt der Zeitschrift WestEnd gab sie 2014 zum Thema Neuroenhancement. Fantasien der Selbstoptimierung heraus. Demnächst erscheint in der Schriftenreihe des Instituts für Sozialforschung Selbstoptimierung. Praxis und Kritik von Neuroenhancement.

 

GRETA WAGNER: THE OPTIMIZED SELF

It is characteristic of contemporary society and its culture that “being better” has become the objective in almost all realms of life. Optimization practices effect broad areas of people’s personal life management, from upbringing, career and relationships to the functioning of the brain, the shape of the body and people’s own feelings. This is related to two parallel developments: the effectiveness of the new social ideals of active autonomy and personal responsibility since the 1960s and 70s. With the dissolution of traditional role expectations, the task of unfolding individually in the best possible way, instead of just corresponding to given patterns, has become increasingly important. The second associated development is the expansion of neo-liberal politics that goes hand in hand with this. Here an ethic of competition is asserted as a normative order in which social risks are off-loaded onto the individual, who is expected to act on the markets with maximum personal responsibility, rely on his or her own competences and resources, and not expect any help from collective solidarity systems. The lecture will outline these developments and focus on the particular case of self-optimization: neuro-enhancement as an attempt to optimize cognitive achievement by taking psychotropic drugs certified for treating attention deficit syndrome. Neuro-enhancement not only raises the individual ethical question of whether we are injuring ourselves when we engage in self-optimization. Another theme will be the moral issue of fairness in a society where some heighten their capacities pharmacologically and so put others under pressure.

GRETA WAGNER is a research assistant at the Institute for Sociology at the Goethe-Universität Frankfurt am Main and is currently a Visiting Scholar at Brown University in Rhode Island. She edited Leistung und Erschöpfung. Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft [Performance and Exhaustion. Burnout in the Competitive Society]; it appeared in the edition suhrkamp in 2013. In 2014, she also edited an issue of the journal WestEnd that focused on the subject Neuroenhancement. Fantasien der Selbstoptimierung [Neuro-enhancement. Fantasies of self-optimization]. Soon Selbstoptimierung. Praxis und Kritik von Neuroenhancement [Self-optimization. Practice and Critique of Neuro-enhancement] will be published in the study series of the Institut für Sozialforschung.