FRANKFURTER POSITIONEN 2015
FESTIVAL FÜR NEUE WERKE
22.01. – 01.02.2015

Thema DE

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AUSGESCHLOSSEN.
BRÜCHE ZWISCHEN DEN WELTEN

Die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte haben statt zu einer erhofften Annäherung der Kulturen und Angleichung der Lebensverhältnisse zu neuen Brüchen und zu einer großen Heterogenität der Ordnungs- und Wertesysteme geführt. Zu beobachten ist, dass jeweils von Teilen der Gesellschaft – wie auch von den einzelnen politischen Systemen – grundsätzlich oder auch nur je nach Bedarf unterschiedliche, häufig miteinander nicht vereinbare Regeln zeitgleich angewandt werden, obwohl die gegenseitige Wahrnehmung und der Austausch (Arbeitsplatz, Nachbarschaft bzw. Handelsbeziehungen oder kultureller Kontakt) infrastrukturell erleichtert und intensiviert wurde. Belastbare, allgemein anerkannte Grundnormen und Rollenmodelle, die Orientierung geben könnten, sind kaum zu bestimmen. Offensichtlich ist eine grundsätzliche Festlegung auch nicht gewollt, da es einer den jeweiligen opportunen Bedingungen folgenden Optimierungsstrategie, die letztlich auf egoistische und situative Vorteile ausgerichtet ist, zuwiderlaufen würde.

Dabei ist zu beachten, dass die Mehrheit der Menschheit, auch große Teile unserer Gesellschaft von einer Teilhabe an diesen Optimierungsprozessen aufgrund ihrer Herkunft von vornherein ausgeschlossen oder zu einer Anpassung an die sich stetig ändernden Verhältnisse nicht imstande ist. Die „Brüche zwischen den Welten“ sind uns bekannt, doch scheint es uns zu gelingen, sie als nicht vermeidbare Begleiterscheinungen ausblenden zu können.

Gibt unser auf den Werten der Aufklärung und der Demokratie behauptetes universalistisches Leitbild tatsächlich noch eine wirkungskräftige Grundlage, die Brüche zwischen den Welten zu überwinden oder zumindest ein weiteres Auseinanderdriften zu stoppen?

THESE:

Es spricht manches dafür, universalistische Ansprüche in einer Zeit, in der wir alltäglich mit der sich überschneidenden und überlagernden Vielfalt der Kulturen und Systeme konfrontiert sind, und der zunehmenden Individualisierung, die von pragmatischen Optimierungsstrategien geprägt ist, als nicht tragfähig anzusehen. Dies schließt die Gesetzgebung und Normsetzung in Nationalstaaten ein. Auch dort sind partikularistische Fragmentierungen auf dem Vormarsch, die vor allem ökonomischen Notwendigkeiten geschuldet sind. Die damit einhergehenden Ausdifferenzierungen, die die unterschiedlichen, unvereinbaren Strukturen normativ nur unzureichend unterlegen können, erzeugen im Ergebnis ein hybrides Konfliktfeld, auf dem die Schlachtordnung unbestimmt und für den einzelnen nicht kalkulierbar ist. In einem solchen partikularistischen Gebilde geht es im Grunde nicht mehr darum, allen vergleichbare Rechte einzuräumen, sondern deren Verletzung situationsbedingt zu rechtfertigen.

Oder müssen wir – jenseits universalistischer Horizonte – die Heterogenität, das Inkommensurable der Welten nicht nur konstatieren, sondern auch zum Ausgangspunkt einer Debatte über normative Interventionen und Konzepte der Verbundenheit (im Mikro- wie im Makrokosmos) machen, die sich nur fragmentarisch und dezentral in immer neu zu findenden Formen schaffen lässt?

 

Frankfurt, September 2014

Stefan Mumme