À JOUR VORTRAGSREIHE
ZU DEN FRANKFURTER POSITIONEN 2015
INSTITUT FÜR SOZIALFORSCHUNG
15.10.2014 – 14.01.2015

Programm

Programm

BERTHOLD VOGEL
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt a.M., Eintritt frei
Im Schatten der Arbeitsgesellschaft.
Vom Bedeutungsgewinn und Sichtbarkeitsverlust der Erwerbsarbeit

Schauen wir heute auf die Entwicklung der Arbeitswelt, dann sehen wir auf der einen Seite die wachsende Bedeutung der Erwerbsarbeit für die Lebensführung, den Status und die Position der Menschen in der Gesellschaft. Von einem Ende der Arbeitsgesellschaft kann schon lange keine Rede mehr sein, eher von einer Hyper-Arbeitsgesellschaft, die alle diejenigen stigmatisiert, die aus welchen Gründen auch immer nicht am Erwerbsleben teilnehmen. Auf der anderen Seite erkennen wir aber auch, dass die Verbindlichkeit, die biografische Prägekraft und die Sichtbarkeit der Arbeitsverhältnisse schwinden. Dominanz und Destabilisierung sind zwei Seiten einer Entwicklung der Erwerbsarbeit, eine Entwicklung, die Konflikte provoziert und Ambivalenzen unvermeidlich macht. Der Vortrag greift diese Ambivalenzen von Bedeutungsgewinn und Sichtbarkeitsverlust der (beruflichen) Arbeit auf, indem er einen Bogen schlägt von der Debatte um Dauerarbeitslosigkeit und Prekarisierung in den 1990er Jahren zur Krise der beruflichen Mittelschichten heute und den Zukunftsszenarien einer gespaltenen Arbeitswelt morgen.

BERTHOLD VOGEL, Professor für Soziologie, ist Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) an der Georg-August-Universität Göttingen und Soziologe am Hamburger Institut für Sozialforschung.


Arbeitsschwerpunkte: Soziologie der Arbeit, des Wohlfahrtsstaates und der sozialen Ungleichheit.

Veröffentlichungen: Im Dienste öffentlicher Güter. Metamorphosen der Arbeit aus der Sicht der Beschäftigten (hg. zusammen mit Jörg Flecker und Franz Schultheis). Berlin: sigma 2014; Demografie und Demokratie. Zur Politisierung des Wohlfahrtsstaates (zusammen mit Claudia Neu und Jens Kersten). Hamburg: Hamburger Edition 2012; Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen. Hamburg: Hamburger Edition 2009.

Serhat Karakayali
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt a.M., Eintritt frei
Connecting People.
Zur Rationalität des Einschlusses

Begriffe wie Inklusion und Exklusion haben sich aus neutralen soziologischen Termini zu Medien der politischen Kommunikation entwickelt. Die Frage, wer oder was ausgeschlossen wird, markiert die Reichweite und das Programm gesellschaftspolitischer Projekte. Ausgeschlossen sollen beispielsweise „fundamentalistische Migranten“, eingeschlossen Opfer von Traumatisierungen sein. Wenn ein bestimmter Ausschluss skandalisiert und für mehr Inklusion geworben wird, kommen unterschiedliche semantische und logische Strategien zum Einsatz. Mit diesen unterschiedlichen Rationalitäten des Einschlusses sind jeweils verschiedene Verständnisse von Gesellschaft verbunden. Gestritten wird immer auch darum, was uns alle miteinander verbindet. Eine letzte gesellschaftstheoretische Antwort kann es auf diese Frage nicht geben, denn die Rationalitäten der Inklusion sind in all ihrer Hybridität Resultate politischer Auseinandersetzungen und Kompromissbildungen.

SERHAT KARAKAYALI ist Soziologe am Berliner Institut für empirische Migrations- und Integrationsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Arbeitsschwerpunkte: Politische Soziologie der Migration, Geschichte und Gegenwart illegaler Einwanderung, Praktiken und Medien der Solidarität in der Migrationsgesellschaft, Transformation von Integrationspolitiken.
Veröffentlichungen: Whiteness Studies – zwischen Soziologie und Rassismustheorie, in: Prokla 1 (2015); The Spirit of Gezi – Recomposition of Political Subjectivities in Turkey, in: New Formations 1 (2015); Illegal Migration in Postfordism, in: Robin Celikates, Joost de Bloois, Yolande Jansen (Hg.): The Irregularization of Migration in Contemporary Europe. Detention, Deportation, Drowning. Lanham: Rowman and Littlefield 2014; Gespenster der Migration. Zur Genealogie illegaler Einwanderung in der Bundesrepublik Deutschland. Bielefeld: transcript 2008.

TOM HOLERT UND MARK TERKESSIDIS
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt a.M., Eintritt frei
Der Würgeengel in der vierten Welt.
Kreuzberg als Fall gegenwärtiger Urbanität

Wie soll man verstehen, was in Kreuzberg vor sich geht? Das Viertel, das weit über die Grenzen der Stadt Berlin und der Bundesrepublik hinaus bekannt ist, hat sich in den vergangenen Jahren der Internationalisierung der Hauptstadt von einem traditionell an sozialer Vielfalt, kultureller Experimentierfreude und milieuspezifischen Antagonismen interessierten urbanen Raum zu einem extrem verdichteten Soziotop größter Widersprüchlichkeit entwickelt, in dem sich die Dynamiken der Nachwendezeit und Globalisierung spiegeln. Seinen Bewohnern und Besuchern scheint Kreuzberg bisweilen nicht von dieser Welt zu sein, und bei allem spektakulären Durcheinander wirkt hier das Nebeneinander zumeist ausgeprägter als das Miteinander. Zu den mehr oder weniger etablierten sozialen Welten der sprichwörtlichen Kreuzberger Linken, der migrantischen Bevölkerung (vor allem, aber längst nicht ausschließlich türkischer Herkunft), den popkulturell orientierten Kreativen oder der schwul/lesbisch-queeren Szene haben sich neue (oder vermeintlich neue) Figuren und Stämme gesellt: Hipster, Expats, Touristen, Flüchtlinge … Alle diese Kategorisierungen, wie sie von den Medien, der Politik, der Verwaltung, den Aktivisten und den zuständigen Sozial- und Kulturwissenschaften produziert werden, sind natürlich problematisch, aber sie prägen nicht unmaßgeblich die wechselseitige Wahrnehmung der Akteure und den Blick von außen auf diese. Der Vortrag wird diese Wahrnehmungen untersuchen, eingestandene und uneingestandene Abhängigkeiten thematisieren, konkrete städtische Situationen in ihrer Materialität und Ästhetik vorstellen. Und er wird vorschlagen, diese Beobachtungen mit einer Theorie der Para-Polis – das heißt der Herausbildung städtischer Gefüge und neuer Formen von ziviler und legaler Beteiligung und Exklusion angesichts von Migration, Tourismus, Gentrifizierung/Ghettoisierung, Kreativökonomie und Subkultur-Marketing – zu verbinden.

TOM HOLERT ist Kunsthistoriker, Publizist und Künstler, Gründungsmitglied der Akademie der Künste der Welt, Köln, sowie, zusammen mit Mark Terkessidis, Gründer des Institute for Studies in Visual Culture (ISVC).


Arbeitsschwerpunkte: Zeitgenössische und nachmoderne Kunst, visuelle Kultur, Politik, Krieg, Mobilität und Gouvernementalität der Gegenwart.

Veröffentlichungen: Übergriffe. Zustände und Zuständigkeiten der Gegenwartskunst. Hamburg: Philo Fine Arts 2014; Deadwood. Zürich und Berlin: Diaphanes 2013; Regieren im Bildraum. Berlin: b-books 2008; Imagineering. Visuelle Kultur und Politik der Sichtbarkeit. Köln: Oktagon 2000.

MARK TERKESSIDIS ist freier Autor und Migrationsforscher, Gründer, zusammen mit Tom Holert, des Institute for Studies in Visual Culture (ISVC) und Mitglied der Akademie der Künste der Welt.

Arbeitsschwerpunkte: Jugend- und Populärkultur; Migration und Rassismus.

Veröffentlichungen: Kollaboration. Berlin: Suhrkamp 2015; Interkultur. Berlin: Suhrkamp 2010; Die Banalität des Rassismus. Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive. Bielefeld: Transcript Verlag 2004.

Gemeinsame Buchveröffentlichungen von Tom Holert und Mark Terkessidis: Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung – Von Migranten und Touristen. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006; Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2002; Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin und Amsterdam: Edition ID-Archiv 1996.

SHALINI RANDERIA
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt a.M., Eintritt frei
Entrechten und enteignen – Ausgrenzung in indischen Städten

Wie beschränkt Armut die Handlungsspielräume, gegen Entrechtung Widerstand zu leisten? Warum verschiebt sich der politische Protest gegen Zwangsumsiedlung in indischen Städten von den Straßen in die Gerichtssäle, wo er für die Öffentlichkeit unsichtbar wird? Wie werden Prekarisierung und Unsicherheit vor Gericht verhandelt? Shalini Randeria analysiert die Folgen von neoliberaler Globalisierung in städtischen Slums und zeigt, wie im Schatten eines erfolgreichen ökonomischen Aufstiegs große Teile der Bevölkerung enteignet und um ihre Bürgerrechte gebracht werden. Ihre Verarmung wird politisch in Kauf genommen als Preis für die globalen Aspirationen der Mittelschicht. Der Vortrag untersucht das Zusammenspiel von Staat, Nichtregierungsorganisationen und Weltbank bei der vermeintlichen Transformation von Bombay und Ahmedabad in das Hong Kong und Singapur Indiens.

SHALINI RANDERIA ist Professorin für Soziologie und Sozialanthropologie am Graduate Institute of International and Development Studies, Genf, und Gastprofessorin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Anfang 2015 wird Shalini Randeria das Amt der Rektorin am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien (IWM) übernehmen.

Forschungsschwerpunkte: Anthropologie der Transnationalisierung und des Staates, politische Anthropologie und soziale Bewegungen; postkoloniale Theorie und multiple Modernen.
Veröffentlichungen: Border Crossings: Grenzverschiebungen und Grenzüberschreitungen in einer globalisierten Welt. Zürich: vdf Hochschulverlag (im Druck); Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften (hg. zusammen mit Sebastian Conrad und Regina Römhild). Frankfurt a. M. und New York: Campus 2014 [2002]; Vom Imperialismus zum Empire. Nicht-westliche Perspektiven auf Globalisierung (hg. zusammen mit Andreas Eckert). Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009.

CAROLIN EMCKE
Zentralbibliothek, Hasengasse 4
60311 Frankfurt a.M., Eintritt frei
Die, die nicht gesehen werden

Extreme Entrechtung und Gewalt stellen eine Anomalie dar. Sie sind nicht allein ein normatives, sondern auch ein epistemisches Problem: sie lassen sich kaum begreifen und werden so unsichtbar.

CAROLINE EMCKE ist Philosophin, Reporterin und freie Autorin.